Marianne Breslauer – Fotografien

bis 30. Mai 2010, Fotostiftung Schweiz, Grüzenstrasse 45, Winterthur

Marianne Breslauer hinterliess nur ein kleines, dafür aber umso reicheres und heute unverändert frisch anmutendes fotografisches Werk, das sie in der Zeit zwischen 1927 und 1938 geschaffen hatte – jener Zeit also, in der sich die Fotografie von einer „malerischen“ Salonkunst zur radikalen „neuen fotografie“ wandelte, zu einem neuen künstlerischen Medium, das ganz auf die ihm eigenen Qualitäten baute. Marianne Breslauer stand mitten in diesem Umbruch und damit auch zwischen der Experimentierlust einer künstlerischen Avantgarde und der (vermeintlichen) Stabilität ihres grossbürgerlichen Elternhauses.

Marianne Breslauer wird am 20. November 1909 als Tochter von Dorothea Breslauer, geb. Lessing und Alfred Breslauer in eine wohlhabende und kunstinteressierte Familie hineingeboren. Ihre Kindheit, Jugend- und Ausbildungszeit verbringt sie in einer von ihrem Vater, einem bekannten Architekten erbauten Villa in der Rheinbabenallee in Berlin. Eine Ausstellung der Berliner Porträtfotografin Frieda Riess in der Galerie Flechtheim weckt 1925 Marianne Breslauers Interesse für die Fotografie, für das junge künstlerische Medium, das wie der Film damals in der Luft lag. Im Unterschied zu vielen Autodidaktinnen wie Gisèle Freund oder Ilse Bing beginnt Marianne Breslauer ihre Karriere als Fotografin mit einer professionellen Ausbildung. Sie schreibt sich 1927 an der Abteilung für Bildnisphotographie der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins, dem „Lette-Haus“, ein und beendet ihre zweijährige Lehre mit der Gehilfenenprüfung zum Thema Porträt vor der Berliner Handwerkskammer.

Danach zieht es sie nach Paris, wo Helen Hessel, Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung und Freundin der Familie den Kontakt zu Man Ray herstellt. Breslauer hofft mit ihm zusammenarbeiten zu können, doch kommt es anders: der berühmte Surrealist ermuntert die junge Fotografin, ohne seine Hilfe ihren eigenen Weg zu gehen. Sie folgt seinem Rat und entdeckt mit ihrer Kamera die faszinierende französische Metropole. Vor allem interessiert sie sich hier für das Leben der Clochards am Ufer der Seine, lässt sich aber gleichzeitig auch von der exklusiven Atmosphäre um die Pferderennen in Longchamps fesseln sowie vom Treiben des Foire an der Route d’Orléans. Wie viele junge zeitgenössische Fotografen schätzt Marianne Breslauer die Arbeiten von André Kertész und Brassaï und kommt ihren Vorbildern in ihren eigenen Fotografien ästhetisch sehr nahe. Doch auch die künstlerische Richtung des „Neuen Sehens“, die im Umfeld des Deutschen Werkbunds und des Bauhauses eine breite Aufmerksamkeit auf sich zog, lässt sie nicht unberührt.

www.weave.ch: Flavia Vattolo / Carol Brandalise